Ermutigung statt Lob – warum der Unterschied zählt
Lob gehört für viele Eltern selbstverständlich zur Erziehung dazu. «Super!», «Das hast du toll gemacht!», «Ich bin stolz auf dich!» – solche Sätze hören Kinder heute oft. Verständlich, denn du willst dein Kind stärken, ihm zeigen, dass du es siehst und schätzt.
Doch vielleicht hast du auch schon erlebt, dass Lob nicht immer das bewirkt, was du dir wünschst. Manchmal wirkt es motivierend – aber manchmal auch nicht. Vielleicht fordert dein Kind Lob regelrecht ein oder fragt: «War das gut?» Vielleicht traut es sich ohne dein Feedback gar nichts mehr zu.
Warum ist das so? Und was wäre eine Alternative?
Lob sieht das Ergebnis – Ermutigung sieht den Weg
Der feine, aber wichtige Unterschied liegt darin, worauf du den Fokus richtest.
- Lob bezieht sich auf das Ergebnis.
«Du bist schnell gelaufen!» – «Das Bild ist richtig schön geworden!»
Das ist nicht falsch, aber es kann dazu führen, dass sich ein Kind nur noch dann anerkannt fühlt, wenn es «etwas leistet». Es lernt: Ich bin dann gut, wenn ich Erfolg habe.
- Ermutigung hingegen sieht den Weg, die Anstrengung, die Beharrlichkeit.
«Du bist bei der Hitze weitergerannt – das war bestimmt anstrengend!»
«Ich sehe, wie du dich bemühst, das Bild so zu malen, wie du es dir vorstellst.»
Ermutigung macht unabhängig. Sie stärkt das Selbstvertrauen, nicht nur das Bedürfnis nach Anerkennung. Dein Kind spürt: Ich kann etwas bewirken – egal, ob das Ergebnis perfekt ist oder nicht.
Die Kunst des Ermutigens – Ein Praxisbeispiel
Während eines Waldmorgens der Klasse, in welcher ich arbeite, fällt mir Sina auf, eine aufgeschlossene und fröhliche Schülerin. Sie versucht, einen Baumstamm hochzuklettern. Er ist ca. 2 m schräg gegen den Himmel hochgewachsen. Danach geht sein Wuchs vertikal weiter. Nach ca. 5 m neigt er sich wieder dem Boden zu. Der eigenartige Wuchs dieses Baums ergibt eine grossartige Kletterbrücke für die Kinder. Viele Gleichaltrige klettern problemlos den steilen Stamm hinauf und balancieren geschickt bis zum anderen Ende.
Für Sina ist dies eine echte Herausforderung, da ihr viele grobmotorischen Bewegungsabläufe nicht auf Anhieb gelingen. Zuerst versucht sie auf der einfacheren Seite der Steigung hochzukommen. Nach mehrmaligen, für mich sichtbar anstrengenden Anläufen, gelingt ihr das. Währenddessen sie übt, gehe ich immer mal wieder in ihre Nähe. Jedes Mal spricht sie mich an und erklärt mir, mit welcher Technik sie nun versuche, ein Stück weiter hochzukommen.
Ich höre ihr aufmerksam zu, erwähne ihre Fortschritte, die ich bemerke und sage, dass ich überzeugt bin, dass sie es bestimmt bis oben schaffen werde. «Schau mal, letztes Mal, als ich vorbeikam, warst du so weit und nun bereits da!» Tatsächlich gelingt es ihr bald, die Höhe zu erklimmen. Sie ruft mich, ich gehe zur ihr und gratuliere ihr zu ihrem Erfolg und sage ihr, dass ich ihre Ausdauer bewundere.
Als Nächstes hängt sie sich an die steile Seite des Stamms und versucht mit viel Anstrengung diese Stelle hochzuklettern. Ihre Bemühungen untermalt sie mit lautem Stöhnen und Selbstgesprächen. Nach einer Weile trete ich neben sie. Sie sieht mich und sagt kurzatmig: «Ich will da rauf, ich will das schaffen!» Ich antworte ihr: «Ich habe dich beobachtet, du bist dem Ziel schon ein Stück nähergekommen! Bleib dran!» Dies wiederholt sich einige Male, bis sie auch auf dieser Seite oben angekommen ist. Stolz thront sie auf dem Ast. Ich sage zu ihr: «Schau mal jetzt bist du grösser als ich, dank deiner Ausdauer hast du es geschafft!» Sie antwortet: «Ich wollte da einfach rauf und ich wollte nicht aufgeben, bis ich oben bin!» Nochmals bekräftige ich, dass ich ihre Ausdauer bewundere und dass ich an ihrer Stelle jetzt auch Stolz wäre!
Während dem wir uns später als ganze Klasse auf dem Waldboden in den Kreis setzen, ruft Sina mich zu sich. Neben sich hat sie den Boden fein säuberlich von Hölzchen und Blättern befreit und zu einem hübschen, glatten Kreis gestrichen. Dies sei mein Sitzplatz neben ihr, erklärt sie mir.
Ich freue mich innerlich so sehr über die Erfolge, die Sina heute erlebt hat. Und auch darüber, dass sie mich daran teilhaben liess. Momente wie diese zeigen mir immer wieder, wie viel Kraft in echter Ermutigung liegt.
Was du mitnehmen kannst
Lob ist nicht grundsätzlich schlecht. Aber wenn du deinem Kind echte Stärke mitgeben willst, dann schau auf seinen Weg. Auf sein Bemühen, seine kleinen Fortschritte, seinen Mut.
Du kannst dies auch immer wieder ohne Worte machen. Auch ein Augenzwinkern, ein Nicken oder ein «Ich sehe dich» kann Kraft geben.
Kinder, die ermutigt werden, wachsen von innen heraus.
Sie lernen nicht nur, dass sie etwas können – sondern auch, wie sie mit Schwierigkeiten umgehen können.
Wann hast du dein Kind das letzte Mal ermutigt – nicht für ein Ergebnis, sondern für seinen Weg?
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